Labre

"ER aber schwieg" Predigt v. Kaplan A. Betschart

Irgendwo bin ich auf folgendes Zitat gestossen, dessen Verfasser nicht genannt war, und das mich sehr berührte:

“Eine Quelle der WEISHEIT ist die STILLE, eine Quelle der STILLE ist das SCHWEIGEN. Und eine QUELLE des SCHWEIGENS ist die LIEBE.”

Gerade Letzteres - “eine Quelle des Schweigens ist die Liebe” - drückt eine fundamentale Wahrheit aus, die im täglichen Leben viel zu wenig beachtet wird.
P. Adalbert Ludwig Balling schrieb das folgende kluge Wort:

“Wer sich müht, die Türe leise zu schliessen, statt sie laut krachend ins Schloss fallen zu lassen, baut mit am Frieden und an der Versöhnung in der Welt”.

In diesen zwei kurzen Beispielen kommt zunächst die Abneigung der Zeitgenossen gegenüber dem Lärm zum Ausdruck, vielleicht auch ein wenig die Sehnsucht nach der Stille. Auch im religiösen Leben geht es nicht ohne die Stille, weil man nur in der Stille, im Schweigen Gott begegnen kann. Die Stille ist denn auch ein Gesetz der höchsten innergöttlichen Vorgänge, nämlich der ewigen Zeugung des Wortes und der Hervorbringung der Gnade in der Zeit - die Teilhabe am Göttlichen Wort. Jedes Jahr verkündet die Kirche in der überlieferten Liturgie der Hl. Messe am Sonntag nach Weihnachten im Introitus die wunderbare, ergreifende Wahrheit vom Wirken Gottes im Schweigen, in der Stille, und zwar sprachlich in einer unübertroffenen Form:

“Tiefstes Schweigen hielt alles umfangen: die Nacht hatte in ihrem Lauf die Mitte ihres Weges erreicht: da kam, o Herr, aus dem Himmel vom Königsthrone herab Dein allmächtiges Wort” (Weish 18,14 f.).

“Dem inneren Menschen, der Gott verkostet hat, scheinen Stille und Gott identisch zu sein. Denn Gott spricht in der Stille, und nur die Stille vermag Gott irgendwie auszudrücken” (M.-E. Grialou OCD).
Wie oft fehlt uns doch diese Stille: die äussere und noch viel mehr die innere, jener überaus kostbare Zustand der Seele, der es uns ermöglicht, die leise Stimme Gottes zu vernehmen, die sich uns entzieht, wenn wir unsere Lebensjahre in äusserem und innerem Geschwätz und in rastloser Aktivität verbringen.
Zu dieser Innerlichkeit gelangen wir, wenn wir die Tore unserer Sinne verschliessen vor allem Unnötigen und Schädlichen, was uns diese Welt mit ihren materiellen Schätzen und Reichtümern anbieten will.

“Dies alles will ich Dir geben, wenn Du niederfällst und mich anbetest” (Mt 4,9), sagte Satan bei der dritten und grössten Versuchung zu Jesus. Um dieser Versuchung widerstehen zu können, bedarf es einmal einer gesunden Abstinenz von den Medien wie Fernsehen, Radio, Illustrierten, Internet - ob am PC oder per Smartphone - und dem ganzen Angebot an seichter Unterhaltung. Es bedarf aber auch der Beherrschung unserer ungezügelten Neugierde, der Geschwätzigkeit und eines übersteigerten Geltungs- und Mitteilungsbedürfnisses. Und dann bedarf es vor allem des Gebetes - dieser vertrauensvollen täglichen und beharrlichen Hinwendung zu Gott. Und es bedarf des Leides, ja auch dieses! Kreuz und Leid - willig angenommen aus Gottes Hand - verinnerlicht uns am schnellsten, weil es uns löst von jenen Dingen und Menschen, die uns auf dem Weg zu Gott ein Hindernis sind. Auf diese Weise wird die Wohnung Gottes in unserer Seele gereinigt, die wir nur allzuoft zu einer Markthalle und zu einer Räuberhöhle verkommen lassen.
Der hl. Johannes vom Kreuz, einer der grössten Lehrer des geistlichen Lebens, lehrt die äusseren Sinne in einer Weise zu gebrauchen, die der inneren Sammlung keine Störung verursacht:

“Zügle Zunge und Gedanken straff, wende deine Zuneigung stetig hin zu Gott, und dein Geist wird sich göttlich entzünden.
Weide den Geist an nichts anderem als an Gott. Lösch die Eindrücke der Dinge aus und senke friedvolle Sammlung in dein Herz” (Weisungen der Liebe, 1 f.).
“Die Kräfte und Sinne dürfen sich nicht ganz ausgeben an die geschaffenen Dinge, sondern nur soweit es nötig ist und sich nicht vermeiden lässt; im übrigen seien sie frei für den Schöpfer” (Puntos de amor 38).


Vielleicht ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass alle vier Evangelisten über das Schweigen Jesu berichten, als Er vor Seinen Richtern steht. Da heisst es:

“Er aber schwieg” (Mk 14,61).

Sie alle - der Landpfleger, der Hohepriester, der Vierfürst - werden widerlegt, nicht durch die Worte Jesu, sondern durch Sein Schweigen. Ist es nicht so, dass in vielen Fällen Vorwürfe, Verleumdungen, Verdächtigungen, denen mit Schweigen begegnet wird, auf den Sprecher zurückfallen? Die Worte, die die Verfolger an den Herrn richten, fallen gleichsam in eine unheimliche Leere, in der sie das Schweigen Christi festgebannt hat. Diese verbalen Anwürfe werden immer fragwürdiger, belastender, immer untragbarer für ihre Urheber. Das Schweigen Christi macht sie zu dem, was sie in Wirklichkeit sind: Selbstenthüllungen derer, die sie vorbrachten. Für den aber sind sie nichtig, gegen den sie gezielt waren.
Es ist eine eigenartige Erfahrung, dass dem in Geduld Schweigenden oft sich das Recht zuneigt, während der Andere den üblen, verleumderischen Worten überlassen bleibt, die er aussprach. Das Schweigen ist sehr oft die Antwort der Wahrheit. Dass Christus als die lebendige Wahrheit schwieg, war das Erschütternde und zugleich Sein Sieg. - Um jeglichem Missverständnis vorzubeugen: nicht jedes Schweigen ist immer Gold und Reden nur Silber, wie ein deutsches Sprichwort lautet. Es gibt auch ein Schweigen, dass sich gegen die Liebe versündigen kann. Nicht dieses Schweigen meinen wir, sondern jenes Schweigen, das eindringlichste und zugleich auch verzichtende Antwort ist, das Schweigen im Sinne Jesu Christi und vor Seinem Angesicht.
So gibt es Situationen, in denen ein Gespräch nicht geführt werden soll und darf. Zum Beispiel, wenn wir unbedingt recht behalten wollen, statt dass die Wahrheit zu ihrem Rechte kommt. Oder wenn Erbitterung und Wut das Wort an sich reissen wollen, dann ist der Augenblick gekommen, dass wir schweigen. Aber es muss ein Schweigen sein aus dem Geiste Jesu Christi. Nicht immer, wie wir wissen, ist das Wort ein Zeugnis. Auch durch unser Schweigen können wir Zeugnis dafür ablegen, dass wir Dem angehören, der vor Seinen Richtern schwieg. Wenn wir Christus in Sein Schweigen folgen, werden wir stark in IHM.
In diesem Zusammenhang soll noch ein Wort über das Schweigen der Augen gesagt werden. Der hl. Apostel Johannes warnt in seinem ersten Brief vor der Augenlust, weil sie

“nicht vom (himmlischen) Vater ist, sondern von der Welt” (2,16).

Die Warnung der Hl. Schrift vor der “Augenlust” war gewiss noch zu keiner Zeit so aktuell wie heute. Denken wir nur einmal an die ungeheure Problematik der sogenannten “Bildkultur”. Was durch Illustrierte, Film, Fernsehen, durch DVD ‘s und Internet in unseren Jahrzehnten an Verwüstung und Zerstörung in den Seelen sowohl der Jugendlichen als auch der Erwachsenen angerichtet worden ist und wird, kann nicht abgeschätzt werden. Dem Satan ist hier ein furchtbarer Einbruch gelungen, der in der Geschichte ohne Beispiel dasteht. Und was masslos erstaunt, ist die Tatsache, dass man sich damit allenthalben abgefunden hat. Ja man hat sich so sehr damit abgefunden, dass Tag für Tag eine gigantische Verführungsmaschinerie in den Seelen ihr zerstörerisches Werk tut. Man hat sich damit abgefunden, dass die Augen, welche die Türen des Lichtes für die Seele sein sollten, die satanische Finsternis in täglicher, wohlberechneter Dosierung von brutalen Verbrechen und sexueller Geilheit schlucken.
Ich weiss, auch wenn jemand dagegen Alarm schlagen würde, es würde sich nichts ändern, ja es würde kaum zur Kenntnis genommen. Aber wir als Christen dürfen bei dieser Orgie der Augenlust nicht mitmachen. Sie zerstört den “kleinen Himmel unserer Seele”, die Wohnung des Dreifaltigen Gottes. Es ist dringend notwendig, dass wir unsere Augen in Zucht nehmen, damit jenes Schweigen und jene Stille in unserer Seele herrsche, um Gottes Stimme vernehmen zu können. Man muss sich immer jene innere Freiheit bewahren, die es unserer Seele ermöglicht, sich über alle Dinge und Geschöpfe hinaus zu Gott zu erheben.

JESUS ABER SCHWIEG (Mt 26,63)

Mit grossem Vertrauen wollen wir Ihn bitten:

“Herr, stell eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen! (Ps 143,3)

Quellenhinweis:

- P. Gabriel a S. Maria Magdalena OCD, Geheimnis der Gottesfreundschaft, Bd. I, Herder 1958; Lizenzausgabe Lins-Verlag, Feldkirch (Kapitel 13 und weitere).
- Görres I. Fr., Der karierte Christ, Frankfurt am Main 19663.
- Grialou M.-E., Ich will Gott schauen - Weg des Getauften mit den Meistern des Karmel, Paulusverlag Freiburg Schweiz 1993.
- Heft: "Hl. Benedikt Josef Labre".
- Heilman A., Hrsg., Texte der Kirchenväter, Bd. 1-5, München 1963.
- Nigg W., Des Pilgers Wiederkehr, Band 64 der Stundenbücher, Hamburg 1966.
- Schneider R., Gelebtes Wort, Freiburg i. Br.-Basel-Wien 1961 (Kapitel "Erziehung zum Schweigen", S. 92).
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